Dr. Urs Marti-Brander

Kapitalismus – Konformismus – Individualismus

18:30 Uhr, SOE-E-01

Zu den wichtigsten Themen der Marx’schen Theorie gehört die Frage nach der Individualität – das heisst nach den Chancen der Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und die eigenen Potentiale entfalten sowie nutzen zu können. Der Kapitalismus wird diesbezüglich von Marx differenziert beurteilt. Der freie Arbeitsmarkt, der durch die Aufhebung der Zunftordnungen ermöglicht wird, garantiert zwar möglicherweise durchaus Chancen auf die freie Wahl produktiver und kreativer Tätigkeiten. Allerdings schafft er zugleich neue Hierarchien und Abhängigkeiten. In vielen Volkswirtschaften ist immer deutlicher eine Aufspaltung der Arbeitsmärkte zu beobachten : Auf der einen Seite die grosse Mehrheit der Lohnabhängigen, deren Situation bezüglich Arbeitszeit, geforderter Verfügbarkeit, Lohn und sozialer Sicherheit sich fortwährend verschlechtert; auf der anderen Seite eine Minderheit von gut Qualifizierten, die mit der Aussicht auf attraktive Bedingungen angeworben werden. Dass die Chancen auf selbstbestimmtes Arbeiten für die erste Gruppe nicht gerade rosig sind, versteht sich von selbst. Ob sie für die zweite Gruppe erheblich grösser sind, ist angesichts der Häufung von Burn-Outs und Suiziden zweifelhaft. Ob die gut Qualifizierten ihre Qualifikationen wirklich unter Beweis stellen können, oder ob sie zunächst ihre Sprache gegen eine von Unternehmens-„Philosophen“ kreierte Kunst- und Werbesprache austauschen müssen, wäre zu überprüfen. Gewiss ist, dass eine Betriebswelt, worin «chief happiness officers» und «chief innovation evangelists» die Angestellten umfassend zu beglücken und zu motivieren suchen, dem Albtraum einer totalitären Ordnung beängstigend nahe kommt.

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